Texte von Franke

Historische Zitate des Visionärs

Sechs Jahrzehnte Denken zwischen Wissenschaft und Kunst — Worte von Herbert W. Franke aus Büchern, Manuskripten, Romanen und Interviews.

Ich begann in den fünfziger Jahren mit programmierter und maschineller bildender Kunst und bin von analogen zu digitalen Rechnern gekommen, von mechanischen Plottern zu hochauflösenden Bildschirmen, von Schwarzweiß zu umfangreichen Farbpaletten, von zwei zu drei Dimensionen und zudem von statischen Bildern zur Animation und Interaktivität – weil der Fortschritt der Technologie es mir ermöglichte, solche Methoden zu nutzen.

Buch · 1957

Kunst und Konstruktion

Man pflegt die Technik als kunstfeindliches Element abzutun. Dass sie das nicht ist, ja, dass sie uns sogar ungeahntes künstlerisches Neuland erschließt, will ich zu beweisen versuchen.

Bis auf wenige Ausnahmen haben […] alle mathematischen Formeln, die physikalische Erscheinungen beschreiben, eine Eigenschaft, die die Mathematiker Stetigkeit nennen […] Kein Künstler könnte Linienscharen […] anmutiger legen, als das eine stetige Kurvenschar durch eine Art Selbstkontrolle automatisch besorgt.

Die Elektronengehirne […] geben uns […] ein Beispiel für den letzten Gipfel des analytischen Denksystems, das alles Wirkliche als Spezialfall alles Möglichen ansieht.

In Wirklichkeit wird nun die schöpferische Produktivität auf eine andere Ebene verlegt. Es ist nicht mehr ein unbewusstes dumpfes Wollen, sondern eine klare, bewusste Absicht, die zur Geltung drängt. Es wird nicht mehr der Stimmung und Intuition überlassen, welchen Charakter ein Werk erhält, sondern einer genauen, umfassenden Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten.

Dem Künstler […] sind alle Möglichkeiten gleich gegenwärtig, und er sucht die heraus, die das zeigt, was ihm als Inkarnation seiner individuellen Sicht, seines Stils, der ihm angepassten Gesetzmäßigkeiten erscheint.

Man bemerkt oft das Bemühen der schöpferischen Geister, die in die neue Bahn eingeschwenkt sind, die Verwandtschaft der Technik mit ihren Ideen abzuleugnen. Das geschieht aus einer Angst heraus, man könnte ihnen die schöpferische Kraft absprechen. Meiner Meinung nach ist es völlig gleichgültig, welchen Werkzeuges sich ein Künstler bedient, eines Pinsels, einer Spritzpistole oder eines mathematischen Kalküls.

Es ist ein Gebiet, auf dem der Unterschied zwischen schöpferischem Akt und mathematischem Kalkül zu verfließen scheint. Es ist das Gebiet des analytischen Denkens in seiner letzten Konsequenz.

Vieldimensionale Gebilde, von denen man weiß, daß sie von höchster Ästhetik sind, obwohl man sie niemals bauen, ja nicht einmal sich vorstellen kann.

Pressetext · Ausstellung „Experimentelle Ästhetik“, MAK · 1959

Atome und Raketen

Die Bilder sind aber auch echte Ausdrucksmittel unseres Zeitalters der Atome und Raketen. Sie faszinieren durch eine geometrische Schönheit, die kalt und nüchtern ist, aber auch durch die unvorstellbaren Kräfte der physikalischen Vorgänge, die hinter ihnen stecken. Man fragt sich, was geschieht, wenn man eine solche Apparatur mit einem elektronischen Steuerungsautomaten koppelt. Erhalten wir dann synthetische Kunst?

Presseartikel · Offenbach-Post, 16. Januar · 1959

Am Beginn

Wir stehen erst am Beginn von neuen grafischen Methoden, die von Automaten und Maschinen beherrscht sein werden.

Roman · 1961

Der Orchideenkäfig

Der Roboter fing zu sprechen an: „Die Menschen haben die ersten automatischen Einrichtungen gebaut, um sich von ihnen bedienen zu lassen. Später haben sie Automaten konstruiert, die sich selbst weiterentwickeln konnten, das ist bis zum heutigen Tag geschehen. Aber noch immer ist unsere erste Pflicht, die Menschen zu bedienen und zu beschützen. […] Unsere Technik war so hoch entwickelt, dass wir ihnen jeden Wunsch durch Gehirnzellenreizung erfüllen konnten. Ich glaube, wir haben ihnen dadurch den Weg zum vollkommenen Glück, zum vollkommenen Frieden und zur vollkommenen Sicherheit gebahnt.“ Die Tiefenfahrt war zu Ende. […] Sie standen in einem Korridor. Feuchtigkeitsgetränkter, lauer Brodem schlug ihnen entgegen, violettes Wogen leuchtete wie Dampf darin […] Die linke Seite erfüllte ein Geflecht aus Leitungen, Drähten, Reflektoren, Fäden, Stäben und Plastikhüllen. Darin, in Abständen von je zwei Metern, saßen rosarote, fleischige, vielfach zerlappte Gebilde, angestrahlt von violetten Lampen, eine unabsehbare Reihe, die sich in der Ferne verlor. „Der Orchideenkäfig“, murmelte Al. „Das sind die Menschen“, sagte der Roboter. „Die Menschen?“ fragte Al. […] „Sie haben sich weiterentwickelt“ […] „Was sind das für Fäden?“ – „Mit ihnen leiten wir angenehme Vorstellungen zu: Ruhe, Zufriedenheit, Glück – und anderes, wofür ihr keine Worte habt.“ – „Denken sie nicht?“ – „Wozu sollten sie denken? Glück kommt nur durch das Gefühl. Alles andere stört.“

Manuskript · um 1965

Programmierte Grafik

Prinzipien für Kunstmaschinen:
Geringe manuelle Schwierigkeiten
Hohe Produktivität
Reiche Variationsmöglichkeiten
Möglichkeit ständiger Kontrolle
Formelmäßige Beschreibbarkeit
Präzision, hohes Auflösungsvermögen
Möglichkeit der Reproduktion
Möglichkeit der Vervielfältigung

Es ist bemerkenswert, dass die Absicht, den kunstproduzierenden Prozess auf Maschinen abzustimmen, zur Erarbeitung eines neuen Denksystems führt, das auch unabhängig von einer maschinellen Verwendung wertvoll und aufschlussreich ist. Dabei verlagert sich der kreative Prozess wie bei vielen auf Computerverarbeitung ausgerichteten Aufgaben in die Phase des Programmierens.

Buch · 1967

Phänomen Kunst

An die Stelle des manuell arbeitenden Künstlers tritt der Konstrukteur, der Ingenieur. Der Effekt des Kunstwerkes wird steuerbar.

Wenn man anerkennt, dass der Herstellungsprozess von Kunstwerken formalisierbar, mathematisierbar und programmierbar ist, bleibt nichts von jenem Geheimnis übrig, das früher mit Kunst verbunden war.

Es ist bemerkenswert, dass kybernetische Modelle, die kreative Prozesse simulieren sollen, eine Art nichtklassischer Maschine, einen Zufallsgenerator benötigen. Zufallsprozesse scheinen die kybernetische Entsprechung schöpferischer Vorgänge zu sein. Demgemäß spielen Randomverteilungen eine große Rolle im Kunstwerk — und zwar sowohl bei seiner Produktion wie bei seiner Konsumation.

Roman · 1970

Zone Null

Ein Ziel zu erreichen ist immer ein Verlust. Man muss ihn hinnehmen, versuchen, sich wiederzufinden, sich einzugliedern in neues funktionelles Geschehen, ohne dass man nackt und hilflos ist.

Das System lässt keine Überraschung zu. Überraschung ist Ausdruck partieller Unkenntnis. Überraschung weist auf Mangel von Wissen hin, deutet Leerstellen an. Bisher hatten sie keine Leerstellen festgestellt.

Lassen Sie Ihre Augen zurück. Sie werden das Unsichtbare sehen. Sie werden die Unendlichkeit fühlen. Sie werden keine Stunden mehr zählen. Keine Maße mehr messen. Es gibt nichts zu erwägen. Es gibt nichts zu entscheiden. Es gibt nichts mehr zu tun. Es war ein schöner Tag heute.

Ausstellungskatalog · Goethe-Institut München · 1970

Impulse Computerkunst

Im Unterschied zu klassischen Maschinen, die Energie umsetzen, verarbeitet der Computer Information. Er ist ein Mittel zur Konzeption struktureller Ordnung.

Neueste Forschungsergebnisse lassen vermuten, daß der Schlüssel zur Kunst im Bereich der Wahrnehmungs- und Denkphänomene liegt.

Der Zufallsgenerator ist das kybernetische Modell eines Organismus mit Intuition.

Buch · 1973

Apparative Kunst

Man kann es (das Programm) als eine Art Notenschrift ansehen – eine Notenschrift, nach der der Zeichenautomat seine Zeichnung ausführt. Genauso wie in der Musik wird hier deutlich, dass der eigentliche Wert des Kunstwerks nicht im Realisat, sondern in der Konzeption steckt: ihr Träger ist das Programm.

Der Zufall kann geplant werden, die Störung wird ein Faktor der Strategie.

Text · 1978

Leonardo 2000

Sieht man die Besonderheit der Computergrafik darin, dass es jetzt auch möglich ist, nicht nur die Ausführung des Kunstwerks, sondern auch die Konzeption mit Hilfe von technischen Apparaturen vorzunehmen, so bedeutet das in der Tat einen Wendepunkt in der Geschichte der Kunst. Schon der Gebrauch des neuen Instruments übt einen Zwang zur Systematik aus, der in der Kunst bisher kaum üblich war.

Ausstellungskatalog · Digital Equipment GmbH, München · 1981

Computergrafik Evolution

Tatsache ist, daß ein Computer einige grundlegende Eigenschaften aufweist, die traditionelles künstlerisches Werkzeug nicht hatte.

Buch · 1984

Computer-Grafik Galerie

Die Veranschaulichung mathematischer Zusammenhänge führt zu einem Neuland der Formen, ebenso reichhaltig und variabel wie etwa die durch das Mikroskop erschlossenen Regionen des Mikrokosmos.

Naturwissenschaftliche Rundschau · 1990

Mathematik für ästhetische Zwecke

Es ist sogar möglich, die mathematische Methode in einer ganz ungewöhnlichen Form anzuwenden – nämlich nicht für wissenschaftliche, sondern für künstlerisch-gestalterische Zwecke. Dann gilt es zu untersuchen, welche Formen besonderen ästhetischen Reiz haben, wie man sie mit Hilfe mathematischer Formeln beschreibt und durch welche mathematischen Prozesse sie sich weiterverarbeiten lassen.

Einleitungstext · 2010

Die Zukunftmaschine

So gibt es phantastische Möglichkeiten für die Kunst, wobei der Künstler zu einem Schöpfer wird, der, wenn er will, neben den Landschaften und der Architektur auch die physikalischen Grundgesetze ändert. Er schafft Welten, in denen er schwerelos schwebt, sich unsichtbar macht oder durch Mauern hindurch spaziert – und er kann sein Publikum in diese Welten mitnehmen.

Prinzipiell könnte auch unsere Welt ein Cyberspace sein. Doch das lässt sich weder beweisen noch widerlegen.

So, wie ich es sehe, beschränkt sich die Möglichkeit, Neues hervorzubringen, nicht nur auf die Evolution des Lebens oder auf das Gehirn, sondern ist eine Fähigkeit, die schon in den Gesetzen unseres Universums festgeschrieben ist.

Interview · performer, Fiducia-Magazin · 2012

Kunst und Mathematik

Kunst hat immer mit Mathematik zu tun. Jedes Bild kann mathematisch beschrieben werden.

Manuskript · 2016

Universum als Programm

Die Vorstellung eines programmierten Universums legt die Frage nach einer Instanz nahe, die das alles geplant und in Szene gesetzt hat. Es […] spricht nichts gegen die Annahme, einer Gruppe von Programmierern sei die Aufgabe gestellt, ein Programm für ein Universum zu schreiben, das dem unseren vergleichbar ist. Was der Automat, den es steuert, leisten soll, ist klar: Er soll eine Welt hervorbringen, die aus sich selbst heraus fähig ist, komplexe und aktionsfähige Strukturen aufzubauen.