Herbert W. Franke

Literarischer Pionier der Science-Fiction

„Science-Fiction ist ein Musterbeispiel für ‚kontrollierte Phantasie‘ — jene Art schöpferischen Denkens, das nicht in Phantasmagorie abgleitet, sondern den Bezug zur Realität wahrt, ohne dabei weniger phantastisch zu wirken.“Herbert W. Franke · Polaris 6, Suhrkamp 1982

Der Beginn der deutschen Nachkriegs-Science-Fiction

von Prof. em. Dr. Hans Esselborn (Universität zu Köln), Literaturwissenschaftler und Mitherausgeber der SF-Werkausgabe Frankes

Franke liest „Die Zukunftsmaschine“
Franke liest „Sprung ins Nichts“
Franke liest „Kontaktversuch“

Den Durchbruch zum anerkannten Autor schaffte Franke 1960 mit seinem ersten veröffentlichten literarischen Werk, Der grüne Komet.

Die Erzählsammlung erschien in einer Reihe, mit der der Goldmann-Verlag erstmals die angloamerikanische Spielart der Science-Fiction in Deutschland präsentierte und die in der Folge den deutschen Zukunftsroman im Stil eines Hans Dominik ablöste. Ab 1961 erschienen seine erfolgreichen Romane, in denen er diese neue deutsche Science-Fiction fortführte — zunächst mit dem traditionellen Untertitel „utopisch-technischer Roman“, spätestens bei Suhrkamp dann als „Science-Fiction-Roman“. Viele Texte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch im damaligen Ostblock, einschließlich der DDR, veröffentlicht.

Diktatur, Konsumgesellschaft, Computer und Virtualität

Zwei Dinge sind als Frankes wichtigste Pionierleistungen hervorzuheben: erstens die Weiterentwicklung der statischen politischen Dystopien des 20. Jahrhunderts von Samjatin bis Orwell und zweitens die Einführung des Computers zur Steuerung der Gesellschaft und zur Simulation von Realität — bis hin zur Erschaffung eigener virtueller Welten.

Durch den Wandel der politischen Situation kann Frankes seismografische Science-Fiction einerseits die Befreiung durch Widerstand imaginieren und andererseits die neuen Herrschaftsmittel ausloten. Die Entwicklung der Industriegesellschaft fördert den ökonomischen Wohlstand, und die gesellschaftliche Kommunikation mit neuen Medien erlaubt eine subtilere politische Ordnung als durch Überwachung und Terror — nämlich durch befriedenden Güterkonsum und beruhigende Ablenkung durch Unterhaltung. Totale Versorgung und Unterhaltung mögen die Menschen glücklich erscheinen lassen, doch in Wahrheit entmündigen sie sie. Franke trägt damit der Entstehung des Wohlfahrtsstaats in West und Ost in seinen Texten Rechnung.

Erstmals bedenkt Franke die Rolle der Computer bei der Datenverarbeitung, der Steuerung von Maschinen und der Verbreitung von Meinungen und denkt die Möglichkeit der technischen Manipulation der Wahrnehmung durch perfekte Simulation. Er beschreibt die Funktionen der Virtualität — die Erschaffung einer Scheinwelt und die Problematisierung des Realitätsbegriffs, die neben ihm Stanisław Lem diskutierte — lange vor William Gibsons Cyberspace.

In Frankes Romanen verbindet sich die Kritik an der statischen, autoritären Utopie und die Darstellung negativer gesellschaftlicher Entwicklungen, wie in den berühmten Dystopien des 20. Jahrhunderts, mit utopischen Perspektiven von Flucht und Befreiung — sodass die Eindimensionalität der Utopie oder Anti-Utopie in der Handlung überwunden wird. Frankes Romane lassen sich nicht auf eine Richtung festlegen, sondern vereinen Merkmale von Utopie, Anti-Utopie, Dystopie und Heterotopie, schon weil die Dynamik der Erzählung und nicht die Norm einer Gesellschaft im Vordergrund steht.

Themen und Tendenzen

Besonders die frühen Romane werden vom Thema der politischen Diktatur beherrscht, die von persönlichen (Die Glasfalle, Schule für Übermenschen, Die Kälte des Weltraums) oder häufiger anonymen Herrschern (Das Gedankennetz, Der Stahlwüste, Hiobs Stern, Sphinx_2) oder von übermächtigen, unfehlbaren Großrechnern ausgeübt wird (etwa Omnivac im Elfenbeinturm, ähnlich in Zone Null und Ypsilon minus). In späteren Romanen wird die Ordnung als Alternative zur Diktatur durch fürsorglichen Paternalismus aufrechterhalten, wie im Orchideenkäfig oder in Flucht zum Mars. In den Texten der 1960er Jahre scheint die Situation noch ausweglos, sodass nur die Flucht bleibt; in den 1970er und 1980er Jahren gibt es dagegen Widerstand von Einzelgängern oder Gruppen, wie in Tod eines Unsterblichen und Zentrum der Milchstraße, die eine Chance zur Befreiung bieten.

Neue Themen treten in den Vordergrund: Außerirdische (Dea Alba, Transpluto, Elfenbeinturm), ökologische Katastrophe (Endzeit, Hiobs Stern, Cyber City Süd) oder Virtualität (Sirius Transit, Zentrum der Milchstraße). Ein zentrales Thema für Franke sind die Auswirkungen der Digitalisierung: Es gibt praktisch keinen Text des Autors, in dem der Computer als Rechenmaschine oder als künstliche Intelligenz keine Rolle spielt. Die Technik wird in ihrer Ambivalenz gezeigt — von der Entwicklung perfektionierter Überwachung bis zu synthetischen, digital denkenden Wesen als menschlichen Gegenspielern.

Das neue Paradigma der Science-Fiction

Franke verbreitete mit seiner Herausgeberschaft einerseits die amerikanische Spielart der Science-Fiction in Deutschland, führte aber andererseits mit seinen Werken die deutsche Tradition eines sozialen und reflexiven Zukunftsromans fort. Dabei übernahm er die neuen Merkmale des Erzählens im späten 20. Jahrhundert: die Spannung durch eine handlungsreiche Story mit Momenten des Krimi- und Spionageromans, die Konzentration auf eine individuelle Hauptfigur, mit der sich der Leser identifizieren kann, und — als Tribut an die Moderne — den Perspektivwechsel, der die Darstellung und Reflexion komplexer Zusammenhänge erlaubt. Franke übertrug so die politischen, sozialen, wissenschaftlichen und literarischen Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg seismografisch in seine Texte und dachte sie fantasievoll weiter — und eröffnete damit der deutschen Science-Fiction insgesamt einen neuen Weg, mögliche Zukünfte darzustellen.

Schließlich sei diese Facette des Autors festgehalten: Bei aller Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit, mit der Franke als Schriftsteller arbeitet, beherrscht er auch die humorvolle Seite, wie er unter anderem in der Geschichte Sind Sie es, Mr. Smith? beweist.

Über den Autor dieses Textes: Hans Esselborn hat zahlreiche literaturwissenschaftliche Studien zu den Klassikern der Moderne sowie mehrere Fachbücher zur Literaturgeschichte der Science-Fiction veröffentlicht — zuletzt „Ordnung und Kontingenz. Das kybernetische Modell in den Künsten“. Als Mitherausgeber der Werkausgabe Herbert W. Frankes verantwortet er einen Teil der kommentierenden literarischen Texte.

Herbert W. Franke

Mehr über Leben und Werk des Grenzgängers zwischen Wissenschaft und Kunst.

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