Kunsthistorische Einordnung
Kunsthistorische Einordnung
Experimentelle Ästhetik · Museum für Angewandte Kunst, Wien
Am 3. Januar 1959 wurde im Museum für Angewandte Kunst in Wien eine Ausstellung mit dem Titel Experimentelle Ästhetik mit Bildern von Herbert W. Franke eröffnet, deren kunsthistorische Bedeutung erst in den letzten Jahren deutlich geworden ist: als erste Ausstellung in Europa, bei der elektronisch erzeugte Bilder gezeigt wurden, die mithilfe elektronischer Rechensysteme zustande kamen.
Der Titel sollte andeuten, dass in diesen Jahren Kunst und Kunstwissenschaft auch unter anderen Gesichtspunkten Interesse gewannen, als es bisher üblich war. Das zeigte sich unter anderem durch die Hinwendung von Künstlern zu neuen Materialien, zu beweglichen Objekten und zu visuell wirksamen Effekten und optischen Täuschungen. So führte der Weg fast zwingend auch zur Elektronik.
Die erste Fotoserie überhaupt war schon Experimenten mit Schwingungen gewidmet; die Bilder entstanden in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Andreas Hübner und gehören der Gruppe Lichtformen an. Es folgten Versuche auf der Grundlage der Elastizität und der optischen Interferenzen, später auch der hochenergetischen elektromagnetischen Strahlung im erweiterten Bereich der Röntgenstrahlung. Auch hier kam es zeitweise zu einer Zusammenarbeit mit Spezialisten — zuerst für kurze Zeit mit dem Physiker Paul Fries und dann mit dem Röntgentechniker Helmut Volland aus der Siemens-Entwicklungsabteilung.
Zur Ausstattung elektronischer Laboratorien gehörte schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein Gerät, der Kathodenstrahl-Oszillograf, mit dem man den Spannungsverlauf elektrischer Schwingungen sichtbar machen kann. Hin und wieder ergeben sich dabei grafisch reizvolle Formen, und einige Anwender haben damit Bilder erzeugt, die sie für Designzwecke anboten. Dasselbe Gerät diente Herbert W. Franke als Ausgabegerät eines Analogrechners — Grundlage der ersten algorithmisch erzeugten Experimente. Das Rechensystem wurde vom Wiener Physiker Franz Raimann in enger Abstimmung mit Franke entwickelt und gebaut. Von einem Schaltbrett aus konnte man die Parameter für jene Kurven eingeben, die als grafische Elemente dienten. Die Schaltung war für interaktiven Betrieb ausgelegt; die Bilder ließen sich also unter Sichtkontrolle auf dem Bildschirm berechnen und in ihrer Bewegung steuern.
Die Umstände bei diesem Schritt in gestalterisches Neuland waren nicht ideal. Als Ausgabegerät stand ein kleiner Oszillograf eines Elektronikbastlers als Leihgerät zur Verfügung, auf dessen Schwarz-Weiß-Bildschirm die Bilder entstanden. Da der Durchmesser der kreisrunden Bildfläche nur fünf Zentimeter betrug und sich der bilderzeugende Elektronenstrahl nicht scharf fokussieren ließ, bewegte Franke die Kamera bei der Aufnahme oft vor dem Schirm vorbei, was zu gleichmäßig ausgefächerten Linien führte und den Konfigurationen eine charakteristische Struktur gab. Vom verwendeten Ausgabegerät leitete sich auch der Name dieser ab Dezember 1955 entstandenen Serie „Oszillogramme“ ab.
Als sich H. W. Franke später — um 1959 herum — anlässlich von Filmarbeiten erneut die Gelegenheit bot, seinen Analogrechner für visuelle Experimente einzusetzen, stand ihm ein scharfzeichnendes Ausgabegerät mit großem Bildschirm zur Verfügung, mit dem man durch eng aneinander anschließende Linienführung auch Grauton-Verläufe erreichen konnte. Dadurch bekamen die Bildresultate einen veränderten Duktus — zur Unterscheidung wurden sie anfangs als „Elektronische Grafiken“ und bald als „Tanz der Elektronen“ bezeichnet. Im Übrigen gelangte der Film, der ebenfalls „Tanz der Elektronen“ heißen sollte, nie an die Öffentlichkeit, da sich der Produzent Rolf Engler weigerte, dem Wunsch der Fernsehanstalt nachzukommen, die begleitende elektronisch erzeugte Musik auszutauschen.
Wenn auch die elektronisch erzeugten Bilder der Ausstellung die meiste Beachtung fanden, so enthielt die Bildschau der Experimentellen Ästhetik doch auch andere bemerkenswerte Exponate, deren gemeinsame Eigenschaft die Herkunft ihrer Konzepte aus Wissenschaft und Technik war. In der Person von Herbert W. Franke spiegelt sich dabei auch eine kunsthistorische Komponente: in der Kunst generell die Zuwendung zu elektronischen Medien. Für manche Kunsthistoriker und -kritiker kam dieses aufkeimende Interesse überraschend, doch hätte man Anzeichen dafür in der Musikszene finden können, bei der der Übergang am Ende der 1950er-Jahre schon voll angelaufen war. Die Wiener Ausstellung kann auch als Illustration für diesen Übergang in der bildenden Kunst aufgefasst werden.
Das liegt in der Person des Physikers H. W. Franke: Er schrieb seine Dissertation über ein Kapitel der Elektronenoptik und bekam daher auf einem der Kunst fernstehenden Weg mit Problemen zu tun, die mit der Aussage und der Qualität von Bildern verbunden sind. So wurde er auf die an vielen Beispielen auffällige ästhetische Qualität der Ergebnisse wissenschaftlicher Fotografie aufmerksam. Das brachte ihn auf die Idee, dass deren Geräte auch auf ganz untypische Weise zu gebrauchen sein müssten: als Instrumente zur Hervorbringung ästhetischer Strukturen. Man könnte sogar eigens bildliefernde Apparate entwickeln, bei denen es weniger auf wissenschaftlich relevante Aussagen als auf ästhetische Wirkungen ankam, sinnierte Franke schon in den fünfziger Jahren. An solche Überlegungen schloss sich eine ganze Reihe von Fragestellungen an, die die Kunst selbst, aber auch ihre Zusammenhänge mit Wissenschaft und Technik betreffen.
Das ist auch der Grund dafür, dass sich Franke der rationalen Kunsttheorie zuwandte; nur dort waren Kenntnisse zu erhoffen, die Konkretes über die von ihm aufgeworfenen Fragen aussagen. Und er begleitete seine Überlegungen im Sinn einer naturwissenschaftlichen Denkweise auch mit Experimenten — was sich im von ihm geprägten Begriff der Experimentellen Ästhetik ausdrückt.
Quelle
Aus dem Archiv der Stiftung art meets science — Herbert W. Franke. Teil der Dokumentation zur Ausstellung Experimentelle Ästhetik (Wien 1959).